Warum das digitale Zeitalter Chancen für bessere Arbeit birgt

Prof. Peter Nyhuis, Institut für Fabrikanlagen und Logistik an der Leibniz Universität Hannover

Im digitalen Zeitalter übernehmen Algorithmen und Roboter unsere Arbeitsplätze. Mit dem massenhaften Jobverlust steigt die Armut im Land rasant an. Das Land ist gespalten, der soziale Friede in Gefahr- solche Ängste werden artikuliert, wenn es um unser Arbeitsleben im digitalen Zeitalter geht. Warum dieses Schreckensszenario zum Glück eine Horrorvision bleiben, aber nicht Realität werden wird, erklärte Prof. Dr.-Ing. habil. Peter Nyhuis, Mitglied des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Hannover, im Interview mit der NDR1-Sendung Ratgeber zum ARD-Themenschwerpunkt Zukunft der Arbeit. Zuhörerinnen und Zuhörer konnten ihre Fragen an Prof. Nyhuis und Stefan Soltmann, Gewerkschafter der IG BCE, stellen. Prof. Nyhuis machte dem Publikum außerdem Mut: Tatsächlich können wir auf bessere Arbeit im digitalen Zeitalter hoffen - wenn Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Politik heute die Weichen dafür stellen. Mittelstand-Digital fasst den Kern seiner Aussagen sinngemäß zusammen.

Bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze können von Robotern und Computern übernommen werden, so manche Prognosen. Wie wird es im digitalen Zeitalter um unsere Arbeitsplätze bestellt sein?

Gar nicht schlecht. Schauen wir auf die Ausgangslage: Es stimmt, dass in Zukunft vermehrt Roboter zum Einsatz kommen werden. Das liegt daran, dass sie immer günstiger und leistungsfähiger werden. Sicherheitslücken werden schrittweise geschlossen. Zudem ist ihre Programmierung einfacher, das Teach-In-Verfahren erleichtert ihr Anlernen, wodurch ihr Einsatz auch für kleine und mittlere Betriebe attraktiv wird. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht spricht außerdem für sie, dass die Arbeitsstunde eines Leichtbauroboters nur dem Bruchteil der Kosten eines Mitarbeiters entspricht. Tatsache ist: Roboter werden unseren Arbeitsmarkt verändern, wenn auch schleichend. Ein Teil der Stellen, insbesondere jene, die automatisierbar sind, werden tatsächlich wegfallen. All dem zum Trotz: Roboter können Menschen nicht ersetzen. Ihnen fehlen unsere Sozialkompetenz und unsere Empathie. Sie können uns nur unterstützen, aber nicht ersetzen. Durch sie werden künftig neue, bessere Arbeitsplätze entstehen. Insgesamt wird der Abbau von Arbeitsplätzen also deutlich moderater als gegenwärtig prognostiziert ausfallen und zudem durch den demographischen Wandel abgefedert.

Welche Arbeitsplätze sind denn gefährdet und welche sind sicher?

Für eine solche Einschätzung lohnt es sich, das eigene Tätigkeitsprofil in Einzelteile zu zerlegen, um zu schauen, welche Aufgaben automatisiert werden können. Je weniger sich die Aufgaben automatisieren lassen, desto sicherer ist der Job. In der Industrie kann die Arbeit der Maschinenbediener, Fahrzeugführer und Logistiker automatisiert werden. Im Handel werden Online-Portale und Preiserfassungssysteme zulasten von Verkäufern und Kassierern gehen. In der Verwaltung können die Tätigkeiten der Buchhalter, Büro- und Sekretariatskräfte ersetzt werden. Autonomes Fahren gefährdet zudem die Jobs der Taxi- und LKW-Fahrer. Auch Dolmetscher sind vom Wandel betroffen.

Auf der anderen Seite gibt es genug Arbeitsplätze, die sich nicht automatisieren lassen - zum Beispiel Tätigkeiten in der Unternehmenskommunikation. Gute Karten haben auch die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Ob Museum oder Bibliothek, ob Lehre und Forschung: Hier werden wir sogar einen höheren Bedarf an Arbeitskräften erleben. Manche Branchen werden geradezu einen regelrechten Boom bei der Nachfrage nach Arbeitskräften erleben - zum Beispiel die Angestellten in den unterschiedlichen Disziplinen der Elektromobilität oder in der Luftfahrt. Auch die Nachfrage nach Beschäftigten für das Gesundheits- und Sozialwesen wird stark steigen. Gleiches gilt für die Gastronomie: Wer möchte schon auf die Achtsamkeit und das Umsorgen durch die Service-Kräfte im Restaurant verzichten? Ein weiteres Beispiel: Wir brauchen auch das Handwerk! Egal, wie sehr sich dessen Tätigkeitsprofil auch wandeln mag, unser Bedarf an Handwerksdienstleistungen wird sich nicht ändern.

Stichwort Wandel der Anforderungen: Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Früher gab es die Ausbildung zum Automechaniker. Je mehr Elektronik jedoch in unsere Fahrzeuge eingebaut wurde, desto stärker veränderte sich das Aufgabenprofil der Angestellten. Die Inhalte des Ausbildungskanons wurden deshalb angepasst. Aus dem Automechaniker wurde so der KFZ-Mechatroniker. Das autonome Fahren und die Elektromobilität wiederum verändern bereits heute unsere Fahrzeuge. Azubis sind deshalb längst mit Tablets gerüstet und brauchen einen Realschulabschluss, ein Hauptschulabschluss reicht vielfach nicht mehr aus.

Droht dann der digitale Wandel, gering Qualifizierte abzuhängen?

Das dürfen wir nicht zulassen. Tatsächlich gefährdet der digitale Wandel die Chancen für die Geringqualifizierten, insbesondere wenn sie einfache Tätigkeiten in der Maschinenbedienung ausüben. Ich bin allerdings überzeugt: Jeder junge Mensch ist ausbildungsfähig. Bei manchen kostet es nur mehr Zeit und Geld als üblich. Arbeitgeber sollten dennoch in diese jungen Menschen investieren. Es wird sich auf lange Sicht für sie auszahlen: Denn in Zeiten des Fachkräftemangels ist es für Unternehmen hilfreich, sich eigene Nachwuchskräfte heranzuziehen, die ihrem Arbeitgeber dankbar dafür sind, in sie investiert zu haben. Sie lassen sich nicht so leicht von der Konkurrenz abwerben. Abgesehen von diesem Punkt wird Digitale Bildung -unabhängig vom Bildungsniveau- ein Schlüsselthema des digitalen Zeitalters sein.

Wieso wird Digitale Bildung in Zukunft so wichtig sein?

Der digitale Wandel wird anhalten, unsere Aufgaben sich stetig wandeln. Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, reichen weder die Erstausbildung noch das Studium aus. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen permanent weitergebildet werden. Damit sie heute lernen, was sie in der Arbeitswelt von morgen können müssen. Zum einen müssen sie also neue Inhalte bzw. Fertigkeiten erlernen. Zum anderen brauchen sie Angebote, die zu ihnen passen. Ein Mann Mitte 50 lernt anders als eine Frau in ihren 20ern. Wer ständig lernt, verliert aber nicht die Lernfähigkeit. Im digitalen Zeitalter müssen Arbeitnehmer also die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen aufbringen. Zugleich ist es jedoch Aufgabe der Arbeitgeber, Ihnen dafür die entsprechenden Programme und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Digitale Bildung ist für beide Seiten eine echte Chance - so wie der digitale Wandel insgesamt enormes Potenzial für den Standort Deutschland bietet.

Wie profitiert der Standort Deutschland vom Digitalen Wandel?

In der Vergangenheit mussten wir erleben, wie immer mehr Unternehmen ihre Produktionen ins Ausland verlagerten - wegen der billigen Arbeitskräfte. Im Digitalen Zeitalter brauchen Unternehmen jedoch moderne Produktionsbedingungen und qualifiziertes Personal, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Hier ist Deutschland klar gegenüber den Billiglohnländern im Vorteil und wird es, wenn wir Digitale Bildung ernst nehmen, auch in Zukunft bleiben. Im Klartext: Die Unternehmen kehren zurück oder stoppen ihre Planspiele, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Es entstehen neue Jobs, die entsprechend der Anforderungen vergütet werden müssen. Hier zeigt der digitale Wandel: In Summe können wir in Deutschland mehr und vor allem auch bessere Arbeitsplätze schaffen. Doch dafür müssen wir noch einiges tun.

Was muss Deutschland für mehr und bessere Arbeitsplätze tun?

Das ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Wir müssen uns schnell ins digitale Zeitalter bewegen, um die Wertschöpfung zu stärken und bessere Jobs zu schaffen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen bereit sein, sich ihr gesamtes Leben lang fortzubilden. Arbeitgeber müssen in die Qualifizierung investieren und entsprechende Programme für ihre Belegschaft bereitstellen. Das bedeutet also, dass jeder einzelne von uns gefordert ist, die Chance der Digitalen Bildung zu ergreifen. Darüber hinaus muss die Politik den Digitalen Wandel aktiv gestalten. Auf der einen Seite muss sie jetzt die Infrastruktur schaffen, um Vernetzung zu ermöglichen und die ländlichen Regionen nicht abzuhängen, indem sie zum Beispiel den Breitbandausbau forciert. Zudem muss sie die drängenden Verteilungsfragen klären. So muss sie das Sozialsystem so gestalten, dass die Gesellschaft nicht weiter in Gewinner und Verlierer gespalten wird und der soziale Friede erhalten bleibt. Unser Sozialsystem muss etwa den LKW-Fahrer auffangen, dessen Job durch autonomes Fahren gefährdet ist und der zugleich zu alt für einen neuen Job erscheint. Die Politik hat es in der Hand, den Digitalen Wandel so zu gestalten, dass er nicht mehr Verlierer als Gewinner hervorbringt und zu besserer Arbeit und mehr Wohlstand führt.

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